Backend Richtung Budweis

Zwischen Sauerteig, Künstler:innen-WG und Pferdeeisenbahn: Ein Besuch in Budweis (tschechisch České Budějovice), wo schon jetzt an der Kulturhauptstadt Europas 2028 gearbeitet wird.

Magdalena Pichler

Mehl ist beim Brot-Workshop in Budweis eine wichtige Zutat. Brot heißt auf Tschechisch “chléb”. Foto: Libor Staněk

Der Brunch im Café Esence am zentralen Platz von Budweis sieht vielversprechend aus. Ich beiße in ein Stück Brot und denke: Wie ist das wohl gemacht worden? Grund dieser Frage ist zum einen die Doku „Brot“ des österreichischen Regisseurs Harald Friedl, die am Vorabend bei einem Filmscreening im Rahmen der Kulturhauptstadt Budweis 2028 gezeigt wurde. Zum anderen die Abendschule „Start the Sourdough, Kindle the Fire“ in ebendiesem Rahmen.

Budweis im tschechischen Südböhmen wird 2028 Kulturhauptstadt Europas sein und bereits im Vorfeld gibt es einige Veranstaltungen. Die zukünftige Kulturhauptstadt hat auch grenzübergreifende Projekte geplant.

Wichtig bei der Bewerbung war das Konzept der „(Perma)kultura“. Anna Davis, Programmmanagerin für Community Projekte, erklärt: „Eine Säule von Permakultur ist eine Art Nachhaltigkeit und Zugänglichkeit von Kultur für die Bewohner:innen von České Budějovice. Also haben wir mehrere Projektsäulen, die sich auf Bürger:inneneinbindung durch künstlerische und kulturelle Aktivitäten fokussieren.” Organisator und Kurator der Abendschule Petr Dlouhy sieht im Konzept der Permakultur “eine Art Nähren der Erde, damit wir uns um die Umgebung, die Umwelt kümmern.” Also Kulturprojekte, die sich lange und nachhaltig auf Kunstgeschehen, Umwelt und Nachbarschaft auswirken.

WG-Gefühle im Residency-Haus

Ein sprichwörtlicher Vorgeschmack ist die dreiteilige Workshopreihe „Start the Sourdough, Kindle the Fire“. Lenka Kubelová ist im Juli „Artist in Residence“ bei České Budějovice 2028. Sie leitet diese an der Abendschule in Nová und lehrt, wie man Sauerteig bäckt. Veranstaltet wird diese von ECoC České Budějovice 2028 als Teil des „Magic Carpets-Projekts“. Im Herbst gibt es dann wieder neue Künstler:innenresidenzen und Kurse. Der oben erwähnte Film „Brot“ habe ihren Blick auf das Backen verändert, sagt sie vor einer Filmvorführung. Diese findet in ihrem Appartement in Nová statt, wo, so Petr Dlouhý, einer der Hotspots der Kulturhauptstadt sein solle. „Wir sind in dem ersten Artist-in-Residence-Haus in Budweis und es ist ein Haus mit einer langen Geschichte als kultureller Treffpunkt. Zum Beispiel gab es einmal ein berühmtes Café und einen Literaturraum und eine Galerie. Das hat mit Covid geendet“, so Dlouhý.

In diesem Haus bin auch ich für eine der beiden Nächte untergekommen. Im Erdgeschoß befindet sich ein Secondhand-Laden, darüber Workshopraum und Künstler:innenappartements. Lenka Kubelovás Appartement auf Zeit ist im Dachgeschoss. Für die Filmvorführung hat sie es für die Zusehenden geöffnet. Jemand kocht Suppe, zu Beginn gibt es Kwas (ein Brotgetränk) und als wir auf den Sofas Platz nehmen, fühle ich mich wie in einer WG auf einem Austauschaufenthalt. Man denke etwa an den Film „L’Auberge espagnole“. Wer Künstler:in, Besucher:in oder Journalist:in ist, verschwimmt und spielt wenig Rolle. Nach der Vorführung setzen wir uns an den Küchentisch und essen Brot mit Butter und Salz sowie Gemüsesuppe.

Workshopleiterin Lenka Kubelová erklärt wie der beste Sauerteig entsteht. Foto: Libor Staněk

Lebensmittel zwischen Konzernen und Bio

Der Film „Brot“ von Harald Friedl ist aus dem Jahr 2020. Dabei porträtiert er kleine, biologische Bäckereien wie etwa die österreichische Firma „Öfferl“ und stellt sie Konzernen wie Puratos gegenüber, wo manche schon von der ersten Bäckerei am Mars träumen und das oberste Ziel zu sein scheint, herauszufinden, wie man Zusatzstoffe nicht angeben muss. Auch wenn Friedl nicht kommentiert, wird klar, wie seelenlos bei letzteren das Geschäft mit dem Brot ist, während eine traditionelle Bäckerin aus Frankreich klarmacht, wie viel Brotbacken mit Weiblichkeit zu tun habe. So gebe es etwa die „Mutter“, eine Art Urteig beim Sauerteigbrot.

Mit dem Sauerteig beschäftigt sich auch Kubelová mit den Workshopteilnehmer:innen an drei Terminen über zwei Wochen. Ich bin beim zweiten und beim dritten Termin dabei und habe dazwischen unter anderem einen Sauerteig zum Füttern nach Hause genommen. Manch eine:r erinnert sich vielleicht an „Hermann“, jene Masse, die man in der Schule geteilt hat. So ähnlich ist dieser Teig.

Beim Brot backen machen wir uns Gedanken über unsere Nachbarschaft. Foto: Libor Staněk

Reflektieren beim Sauerteig kneten

Bei den Workshops lernt man, Sauerteigbrot zu backen, aber reflektiert auch über Themen, die die Menschen in Budweis beschäftigen. Während wir etwa auf Brot im Ofen warten, sind wir eingeladen, ins Mehl zu zeichnen, was unsere Nachbarschaft bewegt und wie man die Lebensqualität verbessern könnte. Vorschläge etwa zu Sport oder öffentlichem Verkehr sammelt Kubelová dann auf der Tafel. Dabei wird klar, dass die Menschen hier ähnliche Themen beschäftigen wie in Städten in Österreich. Hitze, Bedarf an mehr Grünflächen, Konflikte. Der Workshop findet auf Tschechisch statt, Dlouhý übersetzt für mich und einen weiteren Teilnehmer ins Englische. Deutsch können hier übrigens auch einige. Das hat auch mit der komplexen Geschichte der Stadt zu tun. Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Der Weg von der österreichischen Grenze ist jedenfalls nicht weit und führt mit dem Auto durch recht ländliche Gegenden, dabei kommt man an beiden Seiten der Grenze bei Gasthäusern zur Pferdeeisenbahn vorbei. Schließlich ging diese ja bis Budweis, wo es auch ein Museum der Pferdeeisenbahn gibt. Dieses zeigt die Lebensrealität der Bahnwärter mit einfachem Essen und Unterkünften. Denn die Pferdeeisenbahn war überwacht, die Wärter verantwortlich für je einen Teil der Strecke. Wer das Museum oder die Stadt besuchen mag, nimmt auch heute am besten den durchgängigen Eurocity, der etwa zwei Stunden von Linz braucht, für einen Besuch zu den Vorboten der Kulturhauptstadt 2028 mit ihren kleinen Boutiquen, Hipster-Cafés und Buchläden. Ich bin jedenfalls nach dem dritten Teil des Workshops mit einem Sauerteigbrotlaib heimgekehrt.

Der Brotlaib ist gut in Oberösterreich angekommen. Foto: Magdalena Pichler


 

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